Posteuropäisch? Beobachtungen aus den Niederlanden

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Auf dem Weg von Köln nach Den Haag lese ich ein Essay von Jan Willem Duyvendak und Josip Kesic aus der Wochenzeitschrift De Groene Amsterdammer über die Parteiprogramme vor der Wahl am 15. März. „Het beste land ter wereld“ lautet die Überschrift, und das Fazit: Selbst linke Parteien seien gezwungen, die Sprache des Nationalismus zu sprechen („wij zijn beter vor Nederlanders!“) und „nativistische“ Politik zu machen, was wiederum sozioökonomische und ökologische Fragen verdränge.

Hinter der Grenze fällt mir eine große Kirche auf, in einem Dorf auf dem flachen Land, ein historisierender Bau aus dem 19. Jahrhundert, der auch heute noch das Bild bestimmt. Ist das eine Vorstellung von dem besten Land, geordnet und übersichtlich? Um Arnheim herum sehe ich aus dem Zugfenster verspielte Jugendstilhäuser, teils mit Figurationen von Dächern, die mich an die Bauten der tropical modernity in der Kolonie Niederländisch-Indien zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnern. Welchen Platz hat solch ein geteiltes Erbe in der Zukunft?

In der Kantine neben der Koninklijke Bibliotheek und dem Nationaal Archief mitten in Den Haag gibt es „Earth Water“ von einer Firma, die mit dem Nettogewinn Projekte für den nachhaltigen Zugang zu Trinkwasser finanziert. Zum Beispiel in einem Flüchtlingslager in Somalia. Auf den Tischen sind Aufsteller verteilt, die für weniger Fleischverzehr werben, wegen des Wasserverbrauchs, und Werbung für die eigenen Fleischkroketten. „100 % Nederlands“ steht da im Kleingedruckten.

In der Bibliothek sind die Tresen überall mit Blumen in blauweißen Porzellangefäßen dekoriert. Manche scheinen frisch und haben das Potenzial zu verwelken, aber der blühende Kirschbonsai kann unmöglich echt sein? Im Foyer des Archivs liegen Flyer auf den Tischen, die für die neue Ausstellung zur Geschichte der Verenigde OostIndische Compagnie (VOC) werben: „Geen speculaas zonder speculeren.“ „No Delft without China.“ „No Business without Battle.“

Nach den Meinungsumfragen wird jede/r Vierte die PVV wählen, die Partei von Geert Wilders, die in der Sitzungsperiode 2014/15 die Vorlage für ein „Zwarte Piet-Wet“ ins Parlament eingebracht hatte. Demnach sei der Begleiter des Sinterklaas keine rassistische Figur und jeder „Angriff“ auf den Zwarte Piet wird als Angriff auf die „nationale Identität“ verstanden. Wenn öffentliche Einrichtungen an einem Sinterklaas-Umzug beteiligt sind, müssten sie nach dieser Vorlage sicherstellen, dass das Gefolge des Nikolaus nur aus „traditionellen“ Zwarte Pieten bestehe – also weißen Niederländern in blackface und historisierenden Kostümen, die an schwarze Sklaven erinnern. Diese Praxis hat das UN-Committee on the Elimination of Racial Discrimination 2015 als diskriminierend bezeichnet. Aktuell spricht Wilders von marokkanischem „Gesindel“ und fordert den Austritt der Niederlande aus der EU.

Quellen

alle Webseiten am 23. Februar 2017 besucht